Meine Corona-Chronik – Teil 4

Corona-Chronik Teil 1
Corona-Chronik Teil 2
Corona-Chronik Teil 3

Viel Zeit ist vergangen – aber trotzdem der Versuch einer Übersicht, beginnend im letzten Herbst:

Wir fahren am 5. September 2020 nach Südtirol. Entgegen aller Gewohnheit und auch Einstellung, nicht mit Lebensmitteln in den Urlaub zu fahren sondern vor Ort zu kaufen, packen wir den Kofferraum voll, damit wir nicht schon die ersten Tage einkaufen gehen müssen. Auch die Espressomaschine und der Milchaufschäumer fahren mit. Das wird sich als weise Entscheidung herausstellen.

In der Ferienwohnung desinfizieren wir nach Ankunft die Griffe und Flächen. Auch wenn es wahrscheinlich nicht nötig war. Die Gastgeber sind vorsichtig und tragen immer Masken. Anders bei unserer ersten Einkaufsrunde durch den Ort: Beim ersten Metzger tragen weder Kunden noch Metzger Masken, Plexiglas gibt es auch nicht. Ich verlasse den Laden umgehend. Die Mitarbeiter im Supermarkt haben die Nase draußen. Im Café und Eisdiele ums Eck haben alle Angestellten die Masse am Kinn. Und als wir schließlich auf den Parkplatz der Lieblingspizzeria fahren steht am ersten Tisch vor dem Eingang einer der Angestellten mit der Maske am Kinn am Tisch.
Gefrustet fahren wir zurück in die Wohnung. Der Lieblingspizzeria schreibe ich ein Mail. Und dem Bürgermeister. Die Lieblingspizzeria antwortet sofort. Am Tisch wären Mitglieder des eigenen Haushalts gesessen, wir sollten noch einmal vorbeikommen – sie würden sich strikt an die Vorgaben halten. Wir gehen schließlich mehrfach dort auf der Terrasse essen und hatten tatsächlich keinen Anlass mehr zu klagen. Sprechen hilft.
Der Bürgermeister antwortet Tage später … bla bla.

Im Urlaub checken wir täglich die Infektionszahlen – zuhause und am Ort. Alles bewegt sich bei der 7-Tage Inzidenz unter 20. Wir spazieren und wandern, lesen viel, sind im Internet. Der Ortswechsel tut gut, aber die Leichtigkeit fehlt.

Während des Urlaubs investiere ich wieder in Aktien, nachdem ich am Anfang der Pandemie vieles verkauft hatte. Dieses Mal mit Schwerpunkten bei künstlicher Intelligenz, Cloud Computing, Cyber Security und Future Mobility – der Bereich Healthcare ist schon abgedeckt.

Im Urlaub checken wir täglich die Infektionszahlen – zuhause und am Ort. Alles bewegt sich bei der 7-Tage Inzidenz unter 20.

Am 19. September geht es nach Hause. Um 12 Uhr sind wir auf der Autobahn und etwas traurig. Ein „O’zapft is“ kommt mir wehmütig über die Lippen. Aber am 20. und 21. September organisieren wir Spaten Wiesnbier und Ochsenbraten für einen gemeinsamen Video-Oktoberfest-Abend.

Am 22. September habe ich das letzte Kunden-Meeting für wahrscheinlich lange Zeit. Wir sitzen bei schönem Wetter und drei weit geöffneten Fenstern und offenen Türen fast im Freien – mit vier Meter Abstand.

Am 26. September treffen wir uns vor dem Rechner in Dirndl und Lederhose, essen Breze, Obatzda, Ochsenbraten, Kartoffelsalat, trinken Wiesnbier und Obstler – wir haben viel Spaß.

Die darauffolgenden Wochen passiert nicht mehr viel – wir arbeiten (viel), wir organisieren unser Homeoffice-Plätze noch einmal etwas und optimieren die Wohnung hier und da. Der Winter wird lang werden.

Oktober und November gehen dahin. Ein – auch emotionales Highlight: Die Wahl Joe Bidens in den USA. Die Impfstoffe kommen immer näher. Hoffnung am Horizont. Aber Weihnachten werden wir das erste Mal nicht mit den Eltern verbringen. Jeder ist für sich zuhause. Ich starte in die Weihnachtsferien am 23. Dezember abends mit einem dreistündigen Zahnarzt-Besuch.

Auch der Anfang des neuen Jahres wird geprägt sein von Zahnarztbesuchen. Der neue Zahnarzt und ich schwingen uns ein. Ich versuche, Impftermine für meine Eltern (Prio 1) zu ergattern. Es ist schwierig. Aber am 7. bzw. 9. März haben sie ihre ersten Termine. Die SchwieMa folgt bald darauf und auch ich kann am 11. April meine erste Spritze abholen. Was für ein Glück. Als auch P noch als Springer zwei Wochen später beim Hausarzt das erste Mal geimpft wird, ist Land in Sicht. Das erste gemeinsame Essen zusammen wird für Juni geplant.

Ich arbeite in dieser Zeit zu viel, ziehe aber Konsequenzen und trenne mich zu Mitte des Jahres von zwei Kunden. Mit den Internet-Damen besuche ich virtuell das eine oder andere Museum, das virtuelle Office mit Novemberregen ist inzwischen völlige Normalität. Das Einschalten des Streams morgens gehört zum Büro wie die Tasse Tee auf dem Schreibtisch.

Als Ende März kurzfristig die Impfungen mit Astra Seneca wegen Nebenwirkungen gestoppt werden, ist der Frust im virtuellen Büro sehr groß. Wir beschließen wegen fehlender Reize von außen (keine Kultur, kein Restaurants, keine Feiern) selbst etwas zu unternehmen. Wir lernen Italienisch. So richtig, mit Lehrerin. Novemberregen sucht im Internet und findet F. Ab diesem Zeitpunkt haben wir wöchentlich eine Stunde Italienisch. Wir lernen viel und F hält uns für völlig verrückt. Mag uns aber auch (nehmen wir an). Es hat bis heute Bestand.

Im April spiele ich das erste Mal ein Escape Room Game – im Internet. Außerdem trinken wir mit Freunden immer wieder Wein – auch im Stream.

Der Juni beginnt mit zwei Wochen Urlaub – daheim. Wir besichtigen Schloß Schleißheim, Neuschwanstein sowie das Verkehrszentrum des Deutschen Museums sowie dessen Flugwerft. Wir lassen es ruhig angehen. Und wir gehen das erste Mal seit über einem Jahr in einem Restaurant essen – im Spatenhaus, aber draußen. Irr.

Am 27. Juni sitzen wir fünf (P, Eltern und SchwieMa) endlich wieder an einem Tisch. Drinnen. Alle vollständig geimpft, wir nehmen uns in den Arm und genießen den Tag.

Im Juli treffe ich Novemberregen zum Frühstück in Stuttgart, außerdem grillen wir mit Freunden – auch hier gibt es herzliche Umarmungen. Außerdem kommen einmal Clemens und einmal Nikola zum Abendessen auf den Balkon. Es tut gut. So gut.

Am 26. Juli gehe ich in die Oper – Macbeth im Nationaltheater. So sehr ich mich freue, so gut es mir tut, die Augen zu schließen und die Musik zu fühlen. Es fehlt. Es fehlt die Entspanntheit, die Freude, die Opulenz, die Leichtigkeit, der Smalltalk, das Flanieren. Nicht ganz, aber eben die letzten 20%.

Am 18. September startet die Wiesn ein zweites Mal nicht.

tbc. leider.

Zweiter Pandemie-März …

… war ein Auf und Ab. Es war so viel los – und doch nichts.

  • Mama, Papa und meine SchwieMu hatten ihre ersten Impfungen. Juhuuuuu!
  • Zwei der drei größeren Zahnarzt-Eingriffe fanden statt, der dritte wird im April folgen.
  • Ein Muttermal wurde entfernt.
  • Ich war in zwei Online-Live-Führungen von Museen und auf einer Online-Live-Lesung.
  • Das erste Mal Click+Collect bei IKEA.
  • Ich lerne zusammen mit Novemberregen bei einer Lehrerin online italienisch. („Warum wollt Ihr italienisch lernen?“ „Uns ist langweilig.“)
  • Zu viel gearbeitet, Ende des Monats aber dann einen wirklichen Durchhänger gehabt.
  • Das virtuelle Büro hatte einjähriges Bestehen.
  • Ich habe voraussichtlich am 23. April einen Impftermin mit BioNTech. Ggf. auf Warteliste sogar noch davor.
  • AstraZeneca wurde zweimal als Impfstoff gestoppt. Der erste Stop führte zu großem Frust, der zweite war dann schon irgendwie nicht mehr so schlimm.
  • Wir haben einen Urlaubstermin festgelegt – und werden ganz vernünftig zuhause sein.
  • Ich habe zu viele Pressekonferenzen gesehen oder auf sie gewartet.
  • Meine Geduld ist nicht mehr die Beste bei Menschen, die völlig unvernünftig handeln.
  • Ansonsten ist es immer der gleiche Trott …

Lese- und Hörliste – Februar 2021

Gehört – Musik:

Gehört – Reportagen/Hörspiele:

Gehört – Hörbücher:

Podcast – wie im Januar, die neuesten Folgen. Hier gab es keine Neuentdeckungen.

Gesehen:

  • Die Brücke – Staffel 1 + 2 + 3 – spannend, überraschende Entdeckung (Netflix)
  • Die letzte Schlacht – ein Kriegsfilm aus den 60ern (ARTE Mediathek)
  • Dupin – Bretonische Verhältnisse (ARD One Mediathek)
  • Dupin – Bretonisches Leuchten (ARD One Mediathek)
  • Dupin – Bretonische Flut (kann man alle drei als leichte Abendunterhaltung ansehen, die Charaktere haben aber nichts mit denen in den Büchern zu tun)
  • F.C. Gundlach – Meister der Modefotografie (ARTE Mediathek), u.a. geht es um diese Fotografie
  • Luther – Staffel 3 und 4 (über Netflix)
  • SuperBowl LV
  • Und einmal täglich Nachrichten.

Ums Eck …

… einfach noch mal abends kurz das Hotelzimmer verlassen, durch den Frühlingsregen in die nahe Bar ums Eck rennen, einen Mini-Tisch in der Fensternische ergattern, ein Glas Wein bestellen, ein plateau de charcuterie noch hinterher, einfach aus der Lust heraus, ein weiteres Glas Wein. Die Fußgänger auf der Rue Bonaparte beobachten, den Regen, die Autos. Reden, Pläne für den nächsten Tag machen.

2022 wieder?

Lese- und Hörliste – Januar 2021

Gehört – Bücher:

Gehört – Podcasts:

  • Brennerpass – alle aktuellen Folgen
  • Herstory – ich arbeite mich langsam durch vergangenen Folgen (danke für den Tipp, Duotonal)
  • Unter Pfarrerstöchtern (ZEIT) – alle aktuellen Folgen
  • Verbrechen (ZEIT) – alle aktuellen Folgen
  • Auf den Punkt (Süddeutsche Zeitung) – manche aktuellen Folgen
  • Das Coronavirus-Update (NDR) – alle aktuellen Folgen
  • Sprechen wir über Mord? (SWR2)- alle aktuellen Folgen
  • OK, America? (ZEIT) – alle aktuellen Folgen
  • 11 Leben – Die Welt von Uli Hoeneß – alle aktuellen Folgen

Gesehen:

  • Ted Lasso – Staffel 1 (Apple TV) – sehr, sehr gerne gesehen, große Empfehlung. Viel Witz, aber auch Tiefgang. Selbst wenn man kein Fußball oder Football-Fan ist, ist es sicher ganz wunderbar. Bis in die Nebenrollen bestens besetzt.
  • Das Damengambit (auf Netflix) – sehr gerne gesehen
  • Lupin (auf Netflix) – gut unterhalten worden, aber nicht immer ganz logisch – und das ärgert mich, wenn die Handlung viel mit Logik spielt
  • Virgin River (auf Netflix) – schon ein bißchen sehr seicht; ich bin immer versucht, die Figuren anzuschreien, warum sie so doof/naiv o.ä. sind.
  • The Crown – Staffel 4 (Netflix) – sehr gerne gesehen, für mich wahrscheinlich die beste Staffel bis jetzt.
  • Suits – Staffel 8, 2. Teil (Netflix) – gut gemacht, toll ausgestattet, aber eigentlich auch zuende erzählt.
  • Quantico – Staffel 1 (Amazon Prime Video) – in der 3. Episode abgebrochen. Erinnert mich sehr an „How to get away with murder“. Komische Psychospielchen. Uninteressant.
  • Über den Dächern von Nizza (Amazon Prime Video) – gut gealterter Film. Sehnsucht nach der Côte d’Azur bekommen.

Gesehen „im Fernsehen“:

  • Inauguration von President Biden
  • Green Bay Packers – Tampa Bay Buccaneers
  • Und meist einmal täglich Nachrichten.

Silkpaca …

… von Malabrigo hatte ich mir bestellt – eine Mischung aus Seide und Alpaka (aus Uruguay). Ich wollte damit einen sehr feinen Zick-Zack-Schal stricken. Aber das Probestück, das ich begann, sah nicht gut aus. Das Muster wirkte unregelmäßig. Auch mit der Haptik war ich nicht zufrieden. Als ich das Garn zweifädig verstrickte, war es fast eine Offenbarung, wunderbar weich und sanft. Aber immer noch tue ich mir mit dem Muster schwer.

Aus irgendeinem Grund probierte ich ein Patentmuster aus. Sehr schöner Griff, super weich, aber ich werde keinen breiten Patentmuster-Schal stricken, ich halte das nicht durch, ich mag Patent nicht besonders. Und die Wolle ist dafür auch ein bißchen verschwendet, finde ich.

Hat jemand eine Musteridee für einen breiten, edlen Schal?

Das mit den Zähnen …

… ist einfach eine Fehlkonstruktion. Bei mir seit 10 Jahren. Davor hatte ich nichts, gar nichts. Dann ging es los. Der Alt-Zahnarzt (seit 20 Jahren mein Zahnarzt) war gewissenhaft und tat sein Bestes. Er fand Wege und Möglichkeiten für manch ungewöhnliches. Empfahl oder riet von OPs ab. Betreute mich gut nach größeren Kiefer-OPs, hatte immer Notfall-Termine für mich. Das einzige Thema, das wir nie lösen konnten, war das Problem mit dem Abdruck. Ich schrieb hier schon darüber. Und beim letzten Abdruck ging einiges schief. Ich sprach es an, er war verständnisvoll, hatte aber keine Alternative. Das Thema 3D-Scan-Modell würde auch nicht den Qualitätsanforderungen entsprechen. „Wir bekommen das schon hin mit dem Abdruck.“

Aber mich drückte das Thema, die nächste Krone würde kommen, ich wollte nicht unter Schmerzen handeln und Entscheidungen auf die Schnelle treffen müssen. Also ging ich im Frühjahr (trotz Corona) los und suchte einen Ersatz-Zahnarzt. Zahnarzt 1 wurde mir im Internet empfohlen, da war es aber schwer, einen Gesprächstermin zu bekommen. Irgendwie war das nicht auf dem Plan dieses Arztes, ein Vorab-Gespräch. Gut, dann nicht. Zahnarzt 2 wurde mir von meiner Apothekerin empfohlen. Ein sehr netter, junger Zahnarzt, der sich viel Zeit nahm, aber kein 3D-Scan-Modell anbieten konnte. Aber er empfahl mir einen Kollegen, einen Studienfreund, der selbst unter großem Würgereiz leiden würde und die 3D-Technologie seit Jahren anbietet.

Zahnarzt 3, nennen wir in Neu-Zahnarzt und spoilern hiermit, nahm sich viel Zeit. Zeigte mir die Kamera, die Gerätschaften, die während des Scans im Mund sein würden, die Schleifmaschine und die Rohlinge. Ich mag sowas und ich mag, wenn Zahnärzte das handwerklich sehen und erklären können. Dieser Zahnarzt sollte im Moment meine Notlösung sein. Und irgendwann auch mein Neu-Zahnarzt, denn mein Alt-Zahnarzt hat das Pensionsalter schon überschritten.

Mitte Dezember hatte ich Kieferschmerzen, ging zum Alt-Zahnarzt. Er fand nichts. Röntgen nötig? Nein. Da wäre alles ok. Der HNO vermutete eine Gesichtsnerventzündung, schickte mich aber am 23.12. nochmal zum Röntgen in die Notfall-Zahnsprechstunde. Ich erinnerte mich an meinen Neu-Zahnarzt, rief mittags dort an und bekam um 17 Uhr noch einen Nottermin. Am 23.12.! Er röntgte und fand einen kariösen Zahn, den er mir in einer knapp 2-stündigen Abend-Sitzung vor der Wurzelbehandlung rettete. Das war toll. Er bat aber darum, Mitte Januar für einen Rundum-Check wiederzukommen.

Was ich auch diese Woche tat. Und er fand zwei weitere, schwierig zu erreichende, kariöse Stellen sowie eine entzündete Zahnwurzel. Alle drei Sachen klar auf dem Röntgenbild sichtbar, auch für mich (ich habe Übung mit Zahn-Röntgenbildern). Alles kurzfristig anzugehen, auch wenn ich noch keine Schmerzen habe. Bei der entzündeten Zahnwurzel würde es aufgrund der Lage schwierig werden – er erklärte mir das Vorgehen.

Den Alt-Zahnarzt, der von meinem weihnachtlichen Notfall inzwischen wußte, suchte ich damit auf und fragte um seine Meinung bei der Zahnwurzel. Er fand das alles nicht schlimm und empfahl zu warten. Das Röntgenbild der Zähne hatte ich ihm in die Hand gedrückt – die zwei kariösen Stellen, klar sichtbar, fielen ihm nicht auf. Ich sprach sie nicht an. Er ging davon aus, daß ich im März zum normalen Check wiederkommen würde.

Die kariöse Stelle 1 habe ich vom Neu-Zahnarzt gestern beseitigen lassen. Für Stelle 2 und 3 muss ich Termine vereinbaren. Ich werde das bei ihm machen lassen, seine Erklärung war mir logisch und schlüssig. Und seine Behandlungen liefen jedesmal ohne Würgen meinerseits ab.

Vom Alt-Zahnarzt möchte ich mich ordentlich verabschieden. Das wird schwierig. Ich weiß noch nicht wie. Und irgendwie hätte ich ihn gern als Notfall-Zahnarzt. Aber ich glaube, recht wäre ihm das nicht sein. Aber dann ist das halt so. Manchmal enden Geschichten.

(… geschrieben mit Zahnschmerzen an Stelle 3, der Zahnwurzel, die eigentlich erst im März dran sein sollte)

Der Staat, die Stadt – und die Mitarbeiter:innen

Vor langer, langer Zeit habe ich mich einmal für eine Führungsposition bei einer großen Stadt beworben. Für die ausgeschriebene Stelle paßte ich perfekt. (Über das Gehalt reden wir jetzt mal nicht.) Die Stellenbeschreibung war herausfordernd, die Stadt hatte sich Gedanken gemacht, hier sollte etwas umgekrempelt werden, Innovation, Projektmanagement und knackige Entscheidungswege sollten in diesen Bereich einziehen. Und ich wurde zum Bewerbungsgespräch geladen. Abgesehen davon, daß ich jung und weiblich war, sprach nichts gegen mich.

Das Gespräch verlief sehr gut. Ich konnte, was die Stadt wollte. Ich zeigte Lösungswege, Einsparpotentiale, Verbesserungsmöglichkeiten auf. Dies war auch nicht so schwer, denn es lag wirklich viel im argen. Die Herren, die mir gegenüber saßen, und ich – wir waren uns sympathisch. Nur irgendwann stellte ich die Frage, ob sie das wirklich alles wollten, was sie sich wünschten. Und es durchsetzen würden. Nein, das wollten sie nicht, sie träumten. Wir verabschiedeten uns sehr freundlich und gingen weiterhin getrennte Wege.

An dieses Gespräch denke ich in den letzten Tagen sehr oft, wenn es um Projektmanagement in der Pandemie geht, um Prozesse in Behörden, um Verhandlungen und Verträge für Impfstoff, um Kommunikation in großen Projekten. Ja, es ist Pandemie. Und ja, es ist unsere erste. Da darf viel schief gehen. Da werden falsche Entscheidungen getroffen. Das ist in Ordnung für mich. Aber die grundlegenden Themen wie Verhandlungen, Verträge oder Kommunikation müssen funktionieren. Aber das ist nicht so und jetzt fällt es auf. Das tut alles sehr weh.

Die guten Projektmanager:innen/Einkäufer:innen/Verhandler:innen sitzen nicht in Behörden und Verwaltungen. Sie verdienen mehr Geld in der Wirtschaft oder werden als Berater:innen für noch mehr Geld (aber weniger Verantwortung und eingeschränkt durch die Verwaltenden) eingekauft.