Was von der letzten Nacht übrig bleibt …

Noch die letzten Tage machten wir uns Sorgen. Sorgen um Marie-Sophie, die so ruhig auf Twitter war. Wir sorgen uns, wenn eine(r) von uns sich längere Zeit nicht meldet. Auch das ist das Internet. Man kümmert sich, man sorgt sich. Man leidet mit, man fühlt mit. Man unterstützt, man hilft.

Gestern Nachmittag erhielt ich eine Nachricht, daß Marie-Sophie getwittert hätte. Sie schrieb, daß ein Artikel über sie im Spiegel erscheinen würde und der Leser entscheiden müsse, wer der Lügner sei und wer nicht. Die meisten Kommentare zu diesem Tweet waren wohlwollend und positiv; der Spiegel und der Autor wurden – trotz Unkenntnis des Artikels – in manchen Fällen verdammt. Ich setzte mich aufrecht hin, kommentierte nicht und fing an zu suchen und lesen. Erst den Artikel in der Zeit, der kostenlos war. Die Fragezeichen in meinem Kopf wurden größer. Ich wollte Klärung und kaufte den aktuellen Spiegel online. Der Artikel ist fundiert, die Recherche klar aufgezeigt, das Gespräch und eine Klärung war gesucht worden. Zusammen mit den Ausführungen der Zeit blieben wenig Zweifel. Ich war nach der Lektüre betroffen, traurig, verwirrt.

Das Blog von Marie-Sophie verfolge ich seit fast zwei Jahren. Ich las das Blog oberflächlich, da der ausufernde Stil nicht unbedingt meins war. Dass die Geschichten dort nicht immer der ganzen Wahrheit entsprachen, war mir klar. Aber ich war überzeugt, dass der Kern und das „Leben“ dahinter in seinen Grundzügen zu Marie-Sophie gehörten. Dazu gehörte der Austausch über Twitter (für mich viel mehr richtiges Leben als ein Blog). Außerdem gab es Freundinnen und Bekannte, die Marie-Sophie schon getroffen hatten und mir erzählten, sie sei im richtigen Leben so wie im Blog.
Und dann gab es ihre Aktionen, wie das Schreiben von Karten an in der Türkei Inhaftierte, die ich mir zum Vorbild nahm und ebenfalls täglich schrieb. Diese Aktionen, die warmen Worte, die sie für viele auf Twitter übrig hatte, ergaben ein rundes Bild.
Als es ihr schlecht ging, schrieb ich (und nicht nur ich) Karten an sie. (Und jetzt die Frage, ist der Grund wahr?)

Ich bin – auch knapp 24 Stunden später – immer noch verwirrt und verletzt. Da gibt es die „Holocaust“-Story (die Anke sehr klar analysiert hat) und die anderen Geschichten, die außerhalb des Blogs lebten und die mich beschäftigten. Geschichten, die ich P. erzählt habe. Geschichten, die wir für wahr angesehen haben, denn Freunde und Bekannte lügt man nicht durchgehend an. Die (geschützten) Tweets von Marie-Sophie gestern Nachmittag las ich mehrfach. Sie machen das Geschehene für mich fast noch schlimmer.

Aber ich mache mir auch Sorgen um sie. Denn das, was geschehen ist, ist nicht aus Profitgier geschehen (das könnte ich besser verstehen). Ich hoffe, sie holt sich Hilfe.

Und ich bin enttäuscht, Vertrauen wurde missbraucht. Mein Internet bleibt wie es ist. Denn wir sorgen uns, wir kümmern uns, wir leiden mit, wir fühlen mit, wir unterstützen, wir helfen. Wie im normalen Leben auch.

Ich möchte das nicht verlieren.

Mathematikerinnen und Mädchenschulen

Die aktuelle Diskussion zum „In Mathe bin ich Deko“-Shirt von Otto und vor allem der Artikel der Berlinmittemom zum Thema „self-fulfilling prophecies“ erinnerte mich wieder an meine Uni-Zeit:

  • Von den 133 Studenten, die an der TU München Ende der 80er mit mir angefangen hatten, Diplom-Mathematik zu studieren, waren sechs weiblich.
  • Von den 6 Studentinnen waren 6, also alle, an Mädchen-Gymnasien.
  • Von den 6 Studentinnen hatte keine je die Sätze gehört „Du kannst das nicht.“ oder „Für Mädchen ist Mathe schwierig.“ oder „Studier‘ das lieber nicht als Mädchen.“ und trug wahrscheinlich auch keine ein Shirt mit der Aufschrift „In Mathe bin ich Deko“. Vergleiche mit Jungs wären, da keine vorhanden waren, eh abstrakt gewesen.

Meine ausschließlich männlichen Mathe-Lehrer unterstützen, vorallem in der Kollegstufe (an einem neusprachlichen Gymnasium) meine Idee eines Mathe- oder Physikstudiums. Meine Eltern fanden gut, daß ich studieren wollte. Was, war erst einmal nebensächlich. Ich bin nie auf die Idee gekommen, daß ich als Mädchen, junge Frau das nicht schaffen könnte. Vielleicht auch, weil es mir keiner gesagt/suggeriert hatte?

Erst später, im Berufsleben, wurde ich immer wieder damit konfrontiert. Und ich ärgere mich immer wieder über die Frage: Haben Sie auch fertig studiert? – hier schon mal erwähnt.

P.S. Von den 133 Studenten haben 34 das Studium abgeschlossen, davon 5 Studentinnen. 🙂 Geht doch.

Bronstein

Macht es!

Eine halbe Nacht und einen halben Tag war ich fassungslos, ärgerlich, traurig, schockiert, überrascht, dann langsam irritiert, skeptisch bzgl. meiner Timeline, bzgl. des Hashtags #aufschrei.

Einen halben Tag rang ich mit mir. Sollte ich einen Tweet schreiben? Sollte ich keinen schreiben? Darf ich in Frage stellen, wie sich eine Masse von Frauen verhält, wie sie es empfinden? Darf ich das? Weil: verstehen kann ich alles, was sie schreiben. Und ich finde es richtig und gut, daß es gesagt wird.
Aber: Das ist nicht neu. Machen wir uns nichts vor. Wir wissen es alle, daß es passiert. Wer das verdrängt, wird es meist auch weiter verdrängen.

Und ja, sagt es, schreit es – aber MACHT WAS.
Sonst wird aus dem Hashtag #aufschrei eine wunderbare Aktion, die wieder einschläft wie #609060. Zwischendurch wird noch jemand bei Twitter aufschreien, aber das war’s. Also MACHT WAS.
Und ja, es gibt Frauen, die nicht die Kraft und nicht das Selbstbewußtsein haben, sich zu wehren und für die man kämpfen muß. Aber ich habe nicht das Gefühl, daß meine Timeline zum großen Teil aus diesen Frauen besteht.
Und ja, es ist nicht die Schuld der Frauen, daß sie vergewaltigt werden.
Und ja, der Täter hat Schuld, nicht das Opfer.

Aber nur einfach zu sagen, der Täter ist schuld, er muß aufhören, ist leider zu einfach. Wo leben wir? Wir leben nicht in einer heilen Welt. Hier wird geboren und gestorben. Wir werden geschlagen oder gelobt. Wir werden befördert oder auch nicht. Wir werden verlassen oder verlieben uns.
Wer auch immer wird nicht einfach nur sagen „Du armes, armes Hascherl, ich bin jetzt ganz brav, ich schau Dich nicht mehr an, ich grapsch‘ Dich nicht mehr an.“

Mädels – uns wird nichts in den Schoß gelegt, wir mußten und müssen dafür kämpfen. Ob im Beruf oder in der Partnerschaft. Ob mit Freunden oder dem Chef. Das ist nicht bequem und es ist nicht gerecht.

Und genau deshalb, wehrt Euch, gebt Euren Kindern Selbstbewußtsein (ja, beiden Geschlechtern), erzieht sie mit Respekt für alle Unterschiede, die uns Menschen auszeichnen, klagt an, sprecht mit jungen Leuten, gebt Richtung, gebt Sicherheit, seid mutig (auch wenn es vielleicht heißt, ggf. in der Auseinandersetzung zu verlieren), sprecht es an (aber eben nicht nur auf Twitter).
Und ja, es ist schwer, es kostet Kraft, es benötigt Überwindung, es ist manchmal auch unvernünftig, aber

MACHT ES!

1. Januar 2013 – was vom Tage übrig bleibt …

  • Langsam wird hier das Krankenlager wieder aufgehoben und meine Eltern sind zur nachträglichen Bescherung angereist.
  • Mittagessen im Spatenhaus an der Oper mit Touri-Ausblick – immer wieder gut, und ein Spaziergang durch die Stadt. Die Stadt war voller Touristen, viel französisch und russisch war zu hören.

Blick Spatenhaus

  • Nach dem Lesen des Spreeblick-Posts gedacht: Ja. Genau. Und der Vorsatz mehr zu bloggen, im Erst- und im Zweitblog. Und eben auch auf den Blogs der anderen zu kommentieren und nicht nur schnell einen Tweet hinzutippen als Kommentar. Der bleibt nicht, der ist weg. Und eben auch interessante Links hier festzuhalten – und eben nicht nur in einem Tweet. Und weil man gute Vorsätze umsetzen sollte, fange ich gleich damit an.
  • Sehr geschmunzelt beim Lesen: Percantas Sohn sieht das erste Mal gestern Dinner for One und sie hält seine Kommentare dazu fest. Schön, der Film läuft parallel ohne jegliche Probleme vor meinem geistigen Auge ab.